Papa und das Wort
"Fotoapparat"
März 2019
Gestern waren es 3 Jahre, seitdem mein Vater gegangen ist.

Der gestrige Tag verlief mit Erledigungen, Terminen und stechenden Erinnerungen: Damals schien die Sonne und es war Frühling. Wie heute auch. Ich lebe. Und er mit mir.

Vor 3 Jahren und wenigen Tagen kam eine SMS von meiner Schwester: „Wolltest du nicht kommen?". Nein, ich plante es nicht. „Aber er hört auf zu essen und nun auch zu trinken." Es blieben wohl nur noch wenige Stunden oder Tage. Ein Nachtflug schleuste mich in die Dunkelheit von Russland, wo auf einem Bett, verlegen von Schmerz und Schwäche im Dösen und Halb-Bewusstsein mein Vater lag, der Mann, der mich ins Leben geschickt hatte.

Ich wusste nicht, wie es wird. Es gab einen Raum in mir, den man wohl nicht begreifen kann. Einen Raum kurz vor dem Tod.
06. März 2016.
Aus dem Tagebuch. Im Flugzeug.
„Ich kenne sie auswendig seine starken Hände, so weich und so fleischig. Wie sie Sachen anfassen, Holz, Werkzeuge, wie sie einen Nagel halten, damit er sich unter dem Hammer nicht verbiegt, wie sie den Holzstaub von einem Brett wegwischen beim Schleifen, wie sie einen Baumstamm umfassen, um ihn zu heben, bevor er in die Kreissäge geführt wird. Kreissäge, was für ein wunderbares Wort. Sein Wort. Und es war überhaupt nicht schrecklich, es gab keine Schutzmaßnahmen, nur Achtsamkeit und den klaren Griff seiner Hände. „Fotoapparat". Warum, warum nur, – verstand ich es nicht, - ist er so böse auf mich? Ich konnte einfach dieses Wort nicht deutlich aussprechen. Ich erinnere noch sehr genau dieses Gefühl: immer wieder wiederholte ich dieses Wort, aber meine kleine Zunge gehorchte nicht und ich wollte weinen, und ich wollte so sehr, dass ich es schaffte, für ihn. Ich wollte so sehr seine Anerkennung, mein Leben lang.

Mein Leben lang suchte ich nach seiner Anerkennung. Mal wollte ich weinen, mal kämpfen, an der Kante zwischen aufgeben und um jeden Preis gewinnen, aber stets ging es um seine Anerkennung, wie damals mit dem Wort „Fotoapparat". Direkt oder auf Umwegen versuchte ich es ihm zu beweisen, dass ich größer bin, besser, als ich war, mir selbst reichte ich nie. Deswegen kann ich jetzt auch das Unbewegliche bewegen, das fast Unrealistische schaffen. Fotoapparat.

Sein hämischer Blick. Ich brauchte meine Kindheit lang, um zu lernen, diesem Blick Stand zu halten. Es tat so weh, und ich zeigte es nicht. Emotionslos, aushalten, mich selbst überzeugen: Mir macht das alles überhaupt nichts aus! Es ist mir egal! Aua. Und mein Leben lang war es mir egal und dennoch taten mir seine Abwertungen weh, bis ich meinen Hoffman Prozess machte und lernte, anders damit umzugehen. Ich durfte mich als Kind nicht wehren, das System war schlicht: in sich verschließen und NICHTS zeigen, sie sollen platzen im Versuch, mich zu kränken. Sein hämischer Vorwurf: „So eine Vernünftige und Selbständige!"... Das war mein Ausweg. Mein System, um zu überleben.

Wie man die Fotos entwickelt. In einem abgedunkelten Raum, der Zauber einer roten Lampe und das langsame Erscheinen der schwarz-weißen Flecken auf dem Papier in den Chemikalien. Erstmal nur eine Ahnung, wie das Bild da liegt... Eine Decke an der Tür, damit das Licht nicht ein mal durch den Spalt unten ihr durchdringt.

Eine Vogelkirsche an unserem Sommerhaus, ich liebte es, den Baum hoch zu klettern. Papa, schau nur, sei stolz! Das ist ja eine Heldentat. Du liebst ja Helden. Schau nur, ich bin ein Held!

Mein Leben lang, Papa, ich bin ein Held mein Leben lang! Du schaust nicht? Du siehst mich nicht. Ok, dann schaffe ich es allein, für immer allein.

Bald geht er. Und dieses „allein" bleibt. Ich fliege zu dir, warte, wir waren viel zu lange nicht mehr zusammen.

Aus meiner Kindheit kommend lebt er weiter in mir, von damals noch, als es noch Fahrräder gab und wir, lügend, hinter dem verbotenen Wald verschwanden. Er lebt in mir von damals, als man noch „dem Papa helfen" konnte beim Bretter festhalten, Nägel reichen, die Hauswände streichen und den Zaun mit der stinkenden Farbe. Auf den Baumstämmen mit dem ganzen Gewicht sitzen, während es sägte. „Papa helfen" bedeutete mit ihm zu sein, im Vergleich zum „der Mutter helfen", was bedeutete alleine zu sein, jäten oder sowas.

Nach der Epoche des Sommerhaus-Baus war er kaum noch anwesend. Nur als einschränkender Vater, kein strafender, aber ein abwertender Vater. Für was brauche ich ihn, so einen?! Ein letzter Versuch eines mutigen Gesprächs, da war ich schon 19 Jahre alt, ein Misserfolg und das innere Aufgeben, eine Trennung. Und für immer blieb so Vieles unausgesprochen, denn ich hatte das Gefühl, ich erreiche ihn nicht, und für immer blieb „Papa, schaue mich an und sei stolz!", die Gestalt meines Vaters in mir, so eingebrannt, wie ein Brandmal auf dem Leder meines Herzens. Angst vor Ablehnung, Sehnsucht nach ihm, nach Nähe, feste Vorstellungen, wie ein echter Mann sein soll... Wie lange habe ich gebraucht, um mich selbst außerhalb dieser Vorstellungen zu finden, um ihm in mir neu begegnen zu können. Ich fliege zu dir, Papa warte. Ich muss dir noch so Vieles sagen, warte bitte".
11. März 2019
Damals hat er gewartet. Ich wurde beschenkt mit einem Wiedersehen und einem würdevollen herzlichen Abschied von meinem Vater. Ich saß an seinem Bett, streichelte sein Gesicht, küsste seine Wangenknochen, seinen furchtbar geschrumpelten Kopf, fast haarlos. Und die Worte flossen so bedeutsam, zum ersten und zum letzten Mal. Über sein positives Erbe, über seine Hände, die mir in Erinnerung bleiben, über Nägel und Kreissäge und Fotoapparat und Fahrräder. Auch darüber, dass mein Sohn genau solche abstehenden Ohren hat, wie er, und sein Lachen... Und dass ich ihn liebe. Er hatte Angst, dass ich ihn so schäbig in Erinnerung behalte, wie jetzt auf diesem Bett. Ach was, Papa! Von dir ist doch so viel mehr, als nur das! Er wusste damals, dass wir zum Abschied kamen. Und er wusste, dass wir nicht mehr kommen werden, schaute etwas erschrocken, ohne zu wissen, wie man solche Momente bewältigen soll. So ein starker Mann früher. Ich hielt seine eiskalte Hand: du musst nichts mehr bewältigen, Papa, ich bin einfach hier. Und du bist für immer hier drin: Hand auf die Brust. Ich sprach auch darüber, dass ich ihn immer suchte, auch als ich mich abgewendet hatte, nicht mehr anrief und mich verschloss. Dass ich immer wollte, dass er stolz auf mich sei. Er schaute schweigend, so still, lächelte schälmisch und sagte leise: „Ich wollte immer einen Sohn haben", - „ich weiß, Papa. Ich bemühte mich sehr, konnte aber nicht aus meiner Haut". Er brauchte es nicht zu wissen, dass ich nur schwer lernen konnte, Frau zu sein, dass ich Jahre lang dagegen gekämpft habe, mich für meinen Frauenkörper zu schämen. Natürlich tat es weh, meine alte Narbe, dass er mich nicht wollte, nicht mich, die ganzen Jahre der inneren Suche, mein Prozess, mein Finden von mir selbst – und darin das Finden von bedingungsloser Liebe zurück zu ihm. Damals an seinem Bett breitete sich in mir das stille Wissen aus, dass es nun egal ist, wohin er geht, die Liebe zu ihm würde bleiben. „Bist du noch sauer auf mich?" – fragte ich ihn. „Es hat mich sehr gekränkt, dass du dich damals am Bahnhof so weggedreht hast, als du nach Deutschland gingst. Es hat sich aber gelegt".

Drei Tage später ging er. Gestern waren es 3 Jahre ohne ihn. Und er bleibt in mir solange ich lebe. Aber keine Suche mehr und kein „schau und sei stolz!", nein. Jetzt habe ich ihn einfach nur als meinen Vater. Vor kurzem bastelte ich mit meinem Sohn, er hielt mir Schrauben und reichte den Schraubenzieher. Diese Minuten zogen sich in die Ewigkeit, wie in Zeitlupe. Danke Papa, das du da warst. Mein Sohn kann mittlerweile sicher einen Hammer halten. Er interessiert sich auch für Physik und will sogar ein Praktikum machen. Wir haben noch keine Fotos zusammen entwickelt, aber ein Feuer im Regen gemacht. Morgen wäre Vaters Geburtstag.

Und vor mir liegt noch mein ganzes Leben.
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