Mein Wesen?
Februar 2019
Wer bin ich?
Manche Menschen denken, dass sie im Grunde schlecht sind. Viele wissen einfach nicht, was für einer oder eine sie sind. Manche glauben: man kann sich halt nicht ändern.

„Ich bin viele Komponenten: Mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln wird vielfach unterschiedlich reguliert und ist obendrein nicht immer gut abgestimmt, leider", - schreibt Werner Greve, der Psychologieprofessor an der Uni Hildesheim in einem Artikel "Das Ich auf Lebenswanderschaft". Ich bin auch nicht nur das Zusammenspiel meiner Einzelteile. Was ich unter ICH begreife, ist keine stabile Größe, das verändert sich im Laufe meines Lebens.

Und doch wenn ich auf ein Bild schaue, worauf ein Mädchen mit großen weißen Schleifen abgelichtet ist, erkenne ich MICH, so ein Gefühl von etwas, was kein Alter hat, was schon immer da war. Mein Wesen? Wie ist denn mein Wesen, mit dem ich geboren wurde, bevor ich alle meine Muster und meine Reaktionen von meinen Eltern gelernt habe? Wie war ICH davor?
Auf dem Weg der Kognition
Seit Jahrtausenden sind Menschen auf der Suche nach Antworten. Zunächst Philosophen, später Forscher, Ärzte und Psychologen, Neurobiologen und Hirnforscher. Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Messungen, Untersuchungen, Versuchen etwas Fragiles zu fassen, zu benennen.

„Wir sind eine fehlgeleitete Spezie auf diesem Planeten", - sagt provokativ und zugleich bescheiden Gerald Hüther in seinen Vorträgen. - „Eine Spezie, die in ihrem Stirnlappen die Arroganz besitzt, die Gesetzmäßigkeiten des Lebens zu erkennen und bestimmen zu wollen". Vor allem in der Wissenschaft konzentrieren wir uns auf das Wissen, was wir haben, und verlieren dabei die Unendlichkeit des Unwissens aus den Augen. Wahrscheinlich geht es uns dabei um eine vermeintliche Sicherheit, die wir über Definitionen von Dingen fest machen wollen, Sicherheit in einer immer schneller werdenden Welt.

Interessant ist, dass viele Wissenschaftler aus diesen Fahrspuren austreten, indem sie erkennen: die Definition, das Bestimmen-Wollen hat Einschränkungen. Reden-Zuhören – bleibt kognitiv. Toll, spektakulär, unterhaltsam, spannend, aber es bleibt da oben im Stirnlappen und etwas anderes Bedeutendes bleibt unberührt. Unser Verhalten auf der zwischenmenschlichen Ebene ändert sich nicht, unsere Glaubenssätze über uns selbst, über die Welt, ändern sich nicht durch Bücher lesen und tolle Vorträge hören. Neben unzähligen Theorien über Identität, Persönlichkeit, Ego, Ich usw., bleibt die Frage wie ist denn mein Wesen? Wie bin ich wirklich?
Auf dem Weg der Meditation
Ein ganz anderer Weg sich dem Wesentlichen zu nähern ist Meditation. Stille, die bewusste Entscheidung gegen das Ich, Erfahrung außerhalb des Ich. Stunden- und tagelanges gegenseitiges Fragen: „Sage mir, wer du bist?" und ein Fluss von Antworten im Bemühen, sich der Essenz zu nähern. Aber auch auf diesem Weg gibt es wohl kein Ankommen, das in Worte zu fassen wäre.
Im Hoffman Prozess
Der Hoffman Prozess ist auch eine Möglichkeit, sein Wesen zu erkunden, ein Kurs, der in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts entwickelt wurde. Das ist eine einwöchige Reise durch die Welt des Intellekts mit theoretischen Inhalten und Erkenntnissen, wie ich denke, wie meine Glaubenssätze sind, wo und bei wem ich das alles gelernt habe. Gleichzeitig auch eine Reise durch die Welt der Gefühle: wie fühlt es sich an, Angst zu haben, nicht dazu zu gehören? Wann beginnt bei mir diese Angst? Wie wurde mein angeborenes Vertrauen enttäuscht? Und was bedeutet das für mich, kein positives Vaterbild gehabt zu haben, wie fühlt es sich an in meinem Umgang mit meiner Männlichkeit oder mit anderen Männern? Beweisen wollen? Ich bin besser geworden, als viele? Ich darf nicht schwach sein, nicht so wie er? Eine Reise durch den Körper, der vieles in sich gespeichert hat, das Zusammenziehen der Muskeln, um den körperlichen oder auch emotionalen Schmerz zu vermeiden, warum ich Hände in den Hosentaschen verstecken will oder warum ich zappeln muss... Eine Reise, die erkennen lässt: Wenn mein Intellekt, meine Gefühle und mein Körper so voller Muster sind, was bleibt dann übrig außerhalb der Muster?

Eine Reise zum Wesen, was ich mitgebracht habe, bevor ich alles Mögliche auf diesem Planeten als Menschenkind mit meinen Eltern gelernt habe.
Was ist messbar
Rein anatomisch ging die Wissenschaft seit der Mitte des 17.Jhts. davon aus, dass das Zuhause der Seele in der kleinen fein gestreiften Struktur an der Basis des Großhirns ist, heute als Striatum bekannt (Willis, 1621 – 1675). In kürze erscheint auf deutsch ein Buch vom Schwedischen Mediziner Dr. Hugo Lagercrantz "Die Geburt des Bewusstsein", 150 Seiten voller Indizien aus der Wissenschaft, gesammelt von Embryologen, Genetikern und Hirnforschern. Er schreibt: Die Grundlagen für das Bewusstsein werden kurz nach der Befruchtung gelegt. Am 19. Tag bildet sich die Neuralplatte, aus der sich Rückenmark und Gehirn entwickeln werden. In der 24. Schwangerschaftswoche erreicht eine Gruppe von Nervenzellfortsätzen aus dem Zwischenhirn das, was einmal die Großhirnrinde sein wird. Ihr Anfang liegt im sogenannten Thalamus, eine Schaltstelle, die Wahrnehmungen unserer Sinne sammelt, sortiert und in die Regionen weiterschickt, was ihre Sinnesorgane aufzeichnen. Das bedeutet, dass es faktisch vor der 24. SW nicht bislang messbares in uns gibt, was man als Ich bezeichnen könnte.
Was ist nicht messbar
Die Faszination aber bleibt, dass alles, was mit dem Fötus bis zur 24. SW passiert doch in ihm als seine Geschichte angelegt wird, die sowohl für sein Verhalten und seine Selbstwahrnehmung als erwachsener Mensch prägend ist, als auch durch bestimmte somatische und emotionale Übungen abrufbar ist. Wie genau das funktioniert, ist wissenschaftlich nicht klar. Das Wesen scheint eine transpersonale Dimension zu haben, die sich dem Messbaren entzieht. Wie die menschliche Würde keine moralische Dimension besitzt, sondern auf einer Entscheidung und dem Vertrauen in die Intuition basiert, hat das Wesen die Stimme der Klarheit und Weisheit, Verbundenheit und Leichtigkeit. Unser Wesen ist schlicht, es ist einfach da. Es braucht keine Erklärungen und Definitionen.
Kleine Schritte
ganz einfach
Nein, es gibt keine „schlechten Menschen", im Wesentlichen ist keiner gut oder schlecht. Moralische Bewertungen braucht nur ein System, um die Schäfchen in Gehorsam zu halten.

In Verbundenheit mit der Mutter aufgewachsenen, sehnen wir uns unser Leben lang nach dem Vertrauen und der Sicherheit, die wir damals in ihrem Bauch hatten, nach Liebe, nach Dazugehören, ein Teil von etwas Größerem sein, Sinn haben. Unser Verhalten ist nicht immer würdevoll – als Kinder haben wir gelernt die Ellbogen zu benutzen, um gesehen zu werden. Als Erwachsene greifen wir automatisch zu den gelernten Strategien, wir instrumentalisieren andere und lassen uns instrumentalisieren in der Fehlannahme, dass nur so das Überleben für uns möglich ist. Nur ist die Angst kein guter Ratgeber.

Fakt ist, dass wir uns immer weiter vermehren, dass wir mit der Zunahme der Bevölkerung Strukturen geschaffen haben, in welchen einige wenige Gruppen auf Kosten anderer viel größerer Gruppen sich eine vermeidliche Sicherheit schaffen, ohne zu begreifen, dass „der Tod keine Taschen hat". Dass die letzten 100 000 Jahre Kriege es nicht geschafft haben, dass wir uns glücklich fühlen. Und ich glaube, dass diese Regeln nicht von den Machthabenden geändert werden, denn das über die letzten Jahrhunderte entstandene System mit all seinen „dunklen Seiten der Macht" ist auf Selbsterhalt programmiert. Aber was ich fest glaube, ist, dass jeder Einzelne im Kleinen und so mehrere Menschen in Wellen im Größeren das System von Innen verändern können.

Und ganz ehrlich: ist es Euch wichtig, ob das Bewusstsein im Thalamus oder im Striatum seinen ersten Sitz hat? Was bringt Euch dieses Wissen persönlich? Lasst uns lieber uns auf den Weg machen, unser Wesen zu entdecken, nicht zu denken oder zu verstehen! Die Intuition wahrzunehmen, anstatt sie zu erklären! Gefühle zu fühlen, anstatt sie zu kontrollieren! In Würde zu handeln, anstatt andere zu instrumentalisieren.

Macht euch auf den Weg! Wie? Buddha soll einmal gesagt haben: Es ist egal, was du tust, wenn es dich weiter auf dem Weg der Selbsterkenntnis bringt...

Nur Bücher lesen reicht nicht. Und meditieren reicht auch nicht. Beginnt mit Mini-Schritten. Sagt einem Unbekannten auf der Straße heute, seine Augen strahlen, anstatt ihn gedanklich abzuwerten.

Ein kleiner Schritt. Verbunden mit meinem Wesen.
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