Einsamkeit
September 2017
Wer mit sich selbst allein sein kann
ohne zu leiden, ist nicht einsam.
Das macht den Unterschied
zwischen Einsamkeit und Freiheit.
Einsamkeit
Ich hatte eine Freundin. Wir sahen uns fast jeden Tag und trotzdem schrieben wir uns Briefe von Hand – unsere Gedanken über die Einsamkeit.

Einsamkeit, das ist so ein Ding, bei dem, auch wenn du anscheinend strahlst, auch wenn es scheint, du seist glücklich und erfolgreich, innen so eine tiefe Ahnung zurück bleibt: im Grunde bist du doch allein. So absolut. Und egal wie sehr du geliebt wirst, es reicht nicht. Nie. Einsamkeit ist etwas Absolutes. Und meine Freundin und ich waren Profis darin.

Die Geburt der Einsamkeit liegt viele, viele Jahre zurück, als das Kind seine ersten Enttäuschungen erlebte. Und es schien schon damals so, als ob sie für immer bliebe. Enttäuschung darüber, dass man nicht vertrauen, sich öffnen, wahre Freude oder Trauer zeigen kann, ohne dafür verletzt zu werden. Das Kind fühlt sich oft nicht gehört. Einsamkeit entsteht da, wo das Kind nicht authentisch sein kann, da, wo die kindliche Offenheit die Erwachsenen belustigt, seine Traurigkeit nicht ernst genommen wird. Manchmal scheint es sogar, dass alle Gefühle unwichtig sind, solange man noch Kind ist. Das Dumme ist nur, dass dieses „solange" innerlich nie endet, das innere Kind bleibt für viele Jahre verletzt und... einsam. Einsamkeit entsteht, wenn das Kind schon sehr früh lernt, einem Bild von sich entsprechen zu müssen, sich hinter Rollen zu verstecken, damit es weniger verletzbar wird.

So schrieben wir einander Briefe, meine Freundin und ich. Wir erzählten uns, wie endlos die Einsamkeit ist, weltumfassend und für alle gültig, nur dass manche es nicht begreifen wollen, weil sie nicht soweit sind. Dass es keine Liebe gibt und keinen Gott, dass das alles von den Menschen ausgedacht wurde, nur um dieser einen Wahrheit nicht in die Augen schauen zu müssen. Wir suchten keinen Ausweg, wir glaubten an unsere Wahrheit. Wir liebten unsere Einsamkeit mit ihrer bodenlosen Sehnsucht und diesen Sartre-Mauern um uns herum.

Die Einsamen können nicht vertrauen. Nie und niemandem. Es ist nicht nur so, dass in der Dose nicht unbedingt das Gleiche ist, was drauf steht, es ist viel mehr: man kann einfach nicht glauben, wenn man „ich liebe dich" hört. Die Einsamen nehmen es nicht an, sie kommen sich dann wie Schwindler vor und die anderen erscheinen naiv. Offene oder versteckte Arroganz begleitet einen Einsamen und tut auch von Innen Weh.

Gibt es einen Ausweg aus dieser Wahrheit? Ja.
Durch das Vergeben, das Vertrauen und durch die Dankbarkeit.
So pathetisch, aber so einfach zugleich.
1
Das Vergeben
Es gibt einen Ausweg! Wenn man denjenigen vergibt, die damals enttäuscht haben, den Eltern nämlich, weil auch sie, in ihren Mustern gefangen, vermutlich keine Nähe zulassen konnten, nicht wussten, wie. Ihre eigenen Bilder und Vorstellungen hielten ihr Korsett stabil, leider so hart, dass sie darin ihr Kind nicht richtig umarmen konnten, ohne das eigene Gesicht zu verlieren. Ihnen ihre Hilflosigkeit vergeben und es für möglich halten, dass die Welt nicht so ist, wie wir es als Kinder durch die Augen unserer Eltern gelernt hatten. Die Welt ist größer, und wir sind größer als deren Bilder von uns und somit unsere eigenen Bilder. Kein Schwarz und Weiß, nur unendlich viele Facetten. Dann wird es möglich sein, im Spiegel das eigene Gesicht hinter all den Fehlern zu erkennen, die wir uns selbst zu vergeben versagen.
2
Das Vertrauen
Es gibt einen Ausweg! Wenn man denjenigen vertraut, die neben uns gehen. Ohne Angst, verraten, ausgelacht und verspottet zu werden, wie damals. Du kannst dich dazu entscheiden zu vertrauen, eine innere Haltung. Denn wenn du verraten wirst, kannst du demjenigen trotzdem in die Augen schauen ohne Opfer zu sein, vielleicht sogar lächeln und „Danke" für das Lehrstück sagen und gehen. Man kann nur denjenigen kränken, der es erlaubt, gekränkt zu werden. Die Worte von jemandem, die Weh tun, zeugen von dessen altem Schmerz. und von seiner Angst, die er nicht mehr fühlen will, von seiner Kränkung, seiner Wunde. Die Gekränkten sind diejenigen, die so gerne in das alt bekannte Gefühl verfallen: "ich bin nichts Wert", "ich bin kleiner, dümmer, böser, nichtiger, als die anderen". Nein, stattdessen kannst du darauf vertrauen, dass du richtig bist, so wie du bist, und so geliebt werden kannst. Denn ich bin weder besser noch schlechter als andere, ich bin einzigartig, so wie du einzigartig bist.
3
Die Dankbarkeit
Es gibt einen Ausweg! Durch Dankbarkeit zum Beispiel einfach dafür, dass man da ist, für das Leben. Diese Art von Dankbarkeit ist denjenigen sehr vertraut, die kurz an der Grenze des Lebens waren. Dankbarkeit für die Wärme und die Berührungen, für die strahlenden Augen eines Kindes, für das ungezwungene Lachen, für jedes Detail, für so viel Gutes, was in den Herzen aller Menschen lebt. Dankbarkeit sich selbst gegenüber für den Weg, den man gegangen ist, für all das Überstandene und für das Erwachsen-werden und Tragen-können, und für die Leichtigkeit und Weisheit, die innen lebt, für die Klarheit der Gedanken und die Reinheit der Gefühle. Für die Intuition und die Stille. Unendliche Dankbarkeit denjenigen gegenüber, die in der Nähe sind, auch wenn wir rachsüchtig, bösartig, verschwitzt oder betrunken, wie Drachen oder wie Regenpfützen uns im Zimmer platzieren und uns selbst als Zentrum des Universums benehmen. Dankbarkeit dafür, dass da jemand für mich da ist.
Ganz besonders – ich selbst, für mein Wesen.
Das alles kann man lernen, es ist sowieso da, nur wir sehen es nicht. Die meisten von uns haben sich aus Bequemlichkeit im gewohnten Leid verbarrikadiert, die Ikone der Einsamkeit an der Wand – ganz groß. So lebte ich auch, lange. Aber es geht auch anders, jetzt weiß ich das.

Im Hoffman Prozess lernt man dieses „Anders", da findet man wieder das Vertrauen in sich selbst, und das Vertrauen überhaupt, da spürt man, dass man dem Vergeben einen Riesenschritt näher kommt, denn verstehen und entscheiden kann man das nicht, Vergeben kommt von wo anders her, das nennt sich Herz. Und Dankbarkeit breitet sich nach der Woche von alleine im Körper aus – sie kommt aus dem ungewohnten Herzen-Empfinden, Dankbarkeit kann man sich wohl auch nicht erdenken, sonst wird sie nur zu einer Maske im sozialen Gehabe...

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Meine Freundin? Wir hatten uns getrennt. Sie verschwand aus meinem Leben. Ich suchte sie noch lange und glaubte an unsere Freundschaft und an die „freundschaftliche Liebe für immer", trotz ihrer Einsamkeit. Jahre später traf ich sie wieder. Sie war sehr einsam und ihre Einsamkeit trennte uns, denn ich begriff sie plötzlich – ihre Flucht, um sich nicht zu stellen, um nicht zu vertrauen und die Welt beschuldigen zu können. Die Einsamkeit wurde bei ihr zu der Rüstung des Opfers, ich sah das, als sie ihre kleine Tochter umarmte... So verloren wir uns im wortlosen Raum.

Dies ist wahrscheinlich ein Brief an sie.
Dass ich mich damals geirrt hatte.
Dass die Einsamkeit Selbstmitleid ist, keine Wahrheit.

Wer mit sich selbst alleine sein kann, ohne zu leiden, ist nicht einsam.
Darin liegt für mich der Unterschied zwischen der Einsamkeit und der Freiheit.
Made on
Tilda