Wahre Vergebung ist die einzige Möglichkeit, nach einer Verletzung zu einem autonomen und selbstbestimmten Leben zu finden
Vergeben.
Wie oft denn noch?
Im Alltag kommt es uns oft über die Lippen: „Entschuldigung, könnten Sie mir bitte die Tür aufhalten?", „Pardon, wie spät ist es ?", „Verzeihung, aber ich habe Sie nicht geschubst!" – wir sagen es leicht dahin, ohne es zu fühlen, oft auch ohne es wirklich ernst zu meinen.

Was geschieht mit uns in Augenblicken, wenn wir in der Frage erstarren: kann ich das wirklich vergeben? Wenn die Entscheidung brennt: niemals. Woraus schöpfen wir die Kraft, eine Tat zu vergeben, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens ist, eine Grenzüberschreitung, einen Mißbrauch, der nie wieder gut gemacht werden kann?

Es beginnt im Kleinen, es begann damals. Haben wir unserem Vater verziehen, der über unsere mit so viel Liebe und Mühe gemalte Zeichnung nur kritisch bemerkte: „Du hast den Schatten falsch gemalt". Haben wir unserer Mutter verziehen, die Stunden oder gar Tage mit uns nicht geredet hat, nur weil wir in ihren Augen etwas Furchtbares verbrochen hatten. Wie sie auf uns nicht reagierte, und wir, kaum größer als die Tischkante, da standen... Den eigenen Fehler erinnern wir nicht mehr, aber dieses Gefühl der Wertlosigkeit, der absoluten Nichtigkeit, können wir dieses Gefühl je vergessen? Können wir es ihr vergeben?

Warum müssen wir überhaupt vergeben, wenn wir enttäuscht, verletzt, getroffen und verwundet sind? Es ist doch längst vorbei, Schwamm drüber. Worin besteht denn der Wert des Vergebens für die Gesellschaft und für jeden einzelnen von uns?

Die Antwort darauf ist sehr wichtig: wahre Vergebung ist die einzige Möglichkeit nach einer Verletzung zu einem autonomen und selbstbestimmten Leben zu finden. Hannah Arendt

Wahre Vergebung ist grundlegend notwendig, um mit dem Schmerz weiter leben zu können, der nicht mehr rückgängig zu machen ist. Ob das der Verlust eines geliebten Menschen ist, eine Erniedrigung, der Verrat eines Freundes oder die bösen Worte der Schwiegermutter – im Augenblick der Vergebung geschieht etwas besonderes: wir nehmen das Geschehene als Teil unseren Lebens an.

Im Augenblick des wahren Vergebens lassen wir in unserem Weltbild zu, dass der Schmerz möglich ist. Dass die Verletzung zum Leben gehört. Auch zu unserem. Wenn wir aus dem Bauch heraus sagen können: ja, das kann passieren, das ist eben auch mir passiert, wird die Heilung möglich. Dieses Annehmen ist keinesfalls Resignation, kein Zerfließen in der Opferrolle, sondern die gelebte Weisheit: zum Leben gehören beide Seiten, die fröhliche und die schmerzvolle. Zu meinem Leben auch. Vergebung basiert auf der existentiellen Einsicht, dass keiner besser ist als der andere. Es bringt keinen Frieden, eine Hierarchie zu konstruieren, den Täter dafür zu benutzen, um selbst reiner, heller und unschuldiger, ja edler zu erscheinen.

Oder findet sich zwischen Euch einer, der behaupten würde, er habe nie einem anderen Weh getan – ob wissend oder aus Versehen, oder aus Unachtsamkeit, ohne zu ahnen, wie arg er dabei einen anderen Menschen verwundet?

Und auch wenn wir die Notwendigkeit anzunehmen und zu verzeihen intellektuell verstehen, reagieren wir oft auf Verletzungen oder Enttäuschungen irrational und verhalten uns wie damals als Kind, nicht kindlich, eher kindisch. An erster Stelle steht nicht das Vergeben, wir greifen erstmals zum Telefon. Der Mann ist fremd gegangen, die betrogene Frau ist zutiefst gekränkt, alles zieht sich innerlich vor Schmerz zusammen, und sie ruft die Freundin an. Der Schmerz verwässert in den Klagen, in der Empörung, Verurteilung. Sie erlaubt diesem Schmerz beinahe mit einem masochistischen Genuss durch ihren Körper zu fließen, vermischt mit dem getrunkenen Glas Rotwein und nicht ausgeweinten Tränen. Selten geht es darum, was tatsächlich geschah, welcher Familiensituation dieses Fremdgehen entsprang. Im Nebel des verwundeten Stolzes schaut kaum einer offen und unbefangen hin. „Wie konnte es nur geschehen?" – echauffieren sich die Freundinnen. Sie echauffieren sich, sie fragen nicht wirklich. Kaum einer sucht nach einer Antwort.

Danach kaufen wir uns einen Hund, stellen die Möbel um, streichen die Wände, wir hören auf oder beginnen zu rauchen und wenn am Horizont ein Sonnenstrahl wieder aufgeht, denken wir: jetzt können wir verzeihen und vergessen. Nun: vergessen – ja... Tief drin bleiben wir weiter verletzt und sind bemüht, dies zu verbergen, auch vor uns selbst. Wir verstauen dieses Verletzt-Sein tief drinnen, bis wir eine Weile später einer Situation begegnen, die schneidend der vorherigen ähnelt... Uns geschieht es. Wir haben nicht vergeben. Aber Veränderung und Heilung sind ohne Vergebung nicht wirklich möglich.

Besonders die Verletzungen von damals, die uns von unseren Eltern zugefügt wurden, ziehen sich durch das ganze Leben. Verletzungen, die ihnen selbst wahrscheinlich gar nicht bewusst waren. Am Anfang brannten wir im kindlichen „Nicht-Verstehen", die Wangen glühten vor getroffenem Stolz, vor dem Wunsch nach Rache... Dann wuchsen wir heran, vergaßen. Was blieb und bleibt, ist ein merkwürdiges Gefühl des Kind-Seins jedes Mal, wenn wir die Türschwelle des Elternhauses überschreiten. Der wunderbare Duft von Mamas Kuchen, warme Erinnerungen an die gemeinsamen Abenteuer mit dem Vater und ein tiefes namenloses Bauchgefühl: ein Ausgeliefert-Sein der elterlichen Macht und Willkür. Es findet sich kaum einer, der tatsächlich vergeben hat. „Das hättest du auch besser machen können", „Das schaffst du sowieso nicht", „Ach Prinzesschen!"... – leicht dahingesagte Worte, für die Eltern damals wahrscheinlich gar witzige – schmerzvolle für uns als Kinder. Sie tauchen auch im erwachsenen Leben wieder auf, sie wiederholen sich durch die innere Stimme oder wir hören sie ausgesprochen oder zwischen den Zeilen, als ob immer wieder ein unsichtbarer Knopf gedrückt werden würde.

Wir fragten am Anfang: warum müssen wir überhaupt vergeben? Eben darum, damit diese Stimmen uns nicht weiter gefangen halten. Damit wir zurück geben, was nicht unser ist, ver-geben, und zwar an denjenigen, der uns das Schmerzvolle angetan hat. Damit wir nicht mit der Wunde, sondern mit der Narbe weiter leben.

Die Dinge, die geschehen sind, bleiben für immer unwiderruflich, sie gehören zu unserer Geschichte. Vergebung ist ein Weg zur Freiheit, ein Akt der Stärke.

Vergebung bringt Frieden. Wenn wir tatsächlich Frieden wollen.
Made on
Tilda