Ich bin etwas Besonderes...
Wir sitzen in einem Café und Lena erzählt mir begeistert über ihre Sportaktivitäten am vergangenen Abend. Sie sieht schick aus, eher wie eine Femme Fatal. Im Vergleich zu vielen Frauen scheint sie sich ihrer Weiblichkeit sehr wohl bewusst zu sein. Sie erzählt, wie sie als einzige Frau zwischen den Männern im Kraftraum mit 20kg-Hanteln trainiert hat, ihre Augen brennen, sie spricht etwas zu spannungsvoll und zu laut. „Es ist sooo toll, so stark zu sein", - sagt sie begeistert und ein mulmiges Gefühl manifestiert sich bei mir. Lena will nicht stark sein. Lena will auffallen. Sie möchte etwas Besonderes sein und dass es allen die Sprache verschlägt, wenn sie sie sehen. Und es funktioniert... beinahe. Lena ist allein, die Sehnsucht nach einer Beziehung ist so groß, dass sie abends Alkohol trinkt und viel weint, ihre Therapeutin arbeitet mit ihr seit Monaten an ihrem inneren Kind, auch bei ihr fällt Lena auf und auch die Therapeutin ist von Lena begeistert...
Ich bin anders, als andere -
ist eine Not...
„Ich bin etwas Besonderes" ist die Identität von Lena. „Ich war schon immer etwas Besonderes". Jeder Mensch, jedes Kind ist etwas Besonderes. Aber wie wird man zu jemandem, der sich nicht nur besonders kleidet, bewegt und spricht, sondern auf die Frage „Und wer bist du?" schier platzt, um allumfassend zu erklären, in welchen Bereichen man bereits etwas Besonderes ist. Oder ein charmantes Lächeln anzieht, dem abzulesen ist „Ich bin so anders, nicht aus deiner Welt, du wirst es eh nicht verstehen". Ob Frauen oder Männer, sie gibt es bei den Managern, Professoren oder Studenten, Schauspielern oder Handwerkern – das Thema der Selbstdefinition über das "Besonders-sein" scheint weder mit dem Geschlecht noch mit dem sozialen Status etwas zu tun zu haben.

Als Kinder sind sie gewöhnlich, wie viele andere auch, begeisterungsfähig, neugierig, authentisch. Häufig haben sie sehr fordernde Eltern, die ihrem Kind entweder schon von Anfang an diese Spannung mitgeben, „besser" als die anderen sein zu müssen, talentierter, früher Laufen lernen müssen, früher als andere trocken werden müssen, bereits mit 1 Jahren sprechen und mit 3 schon Lesen und Schreiben lernen müssen... Oft sind es die Eltern, die begeistert auf dem Spielplatz anderen Müttern erzählen, dass das Kind im Kindergarten unterfordert sei, weil es so viel weiter sei, als die meisten anderen... Einem kleinen Prinzen, einer kleinen Prinzessin wird verbal oder nonverbal das kindliche Sein genommen, um die Erwartungen der Eltern und deren eigene Schwachstellen zu kompensieren. „Ich wollte studieren, aber dann wurdest du geboren. Du kannst es jetzt für mich machen", – ist die Botschaft aus der Generation der Nachkriegszeit. „Ich wollte malen/ tanzen/ singen, aber ich musste arbeiten. Nun habe ich mich so aufgebaut, dass du dir keine Sorgen machen musst. Finde deine Talente, mach es für mich", - ist die verbale oder non-verbale Botschaft mancher Eltern aus den 90-ern. Heute steht ein junger Mann vor mir, 23 Jahre alt, schnell im Kopf, studiert nicht, er sucht nach dem, was wirklich seins ist, ist arrogant und einsam, abhängig und sehr besonders...
"Ich bin etwas Besonderes"
ist ein enges Kostüm
Oder aber es sind fordernde Eltern, die ihrem Kind enttäuscht hinterher schauen, wenn sie es zum Fußball Turnier bringen. Ein stiller Vorwurf, niemals den Erwartungen zu genügen. „Du bist ein Noch-nicht-Mensch, - sagte liebevoll Lenas Vater zu ihr, - „ein Nichts", es war niedlich gemeint... Er war Naturwissenschaftler, sie verstand nichts von Mathematik. Das sind die Kinder, die wirklich sehr bemüht sind, sich einen stolzen und zufriedenen Blick der Eltern zu verdienen, aber sie schaffen es einfach nicht. Die Enttäuschung und der Schmerz werden so groß, dass sie in die Rebellion gehen. Und um jeden Preis nun anders werden. Besonders anders.

Die Frage nach der Identität ist existenziell. Ähnlich wie die Frage nach dem Sinn. Und ebenso wie es müßig ist, einen Sinn im Äußeren zu suchen, anstatt den Sinn seinen eigenen Handlungen und dem eigenen Sein zu geben, ist es auch müßig bei der Frage nach der Identität, nach dem „Wer bist du?" äußere Faktoren wie Haus/ Garten/ Pferd aufzuzählen und Rollen, die man spielt, oder politische Einstellungen, die man vertritt, zu benennen. Stets hat man das Gefühl, man rede knapp am Wesentlichen vorbei. Dafür ist eine Identität wie "ich bin etwas Besonderes" oder "ich bin ein Einzelkämpfer" – ein dermaßen festgewachsenes Kostüm, dass es einem sicheren Schutz und scheinbare Kraft gibt, dass wenn der Träger es ablegen müsste, nur ein „Nichts" übrig zu bleiben scheint.
Anerkennung kann zur Droge werden
Ich glaube, jeder kennt diese verführerischen Momente, durch eine Leistung oder eine Eigenschaft plötzlich aufgefallen zu sein, begeisterte anerkennende Blicke zu ernten, Stolz, inneres Jubilieren und prickelnde Spannung im Körper zu spüren... In diesem Moment wird ein Glückshormon ausgeschüttet, das wie eine Droge wirkt, die man wieder und wieder haben möchte. In solchen Momenten entsteht ein inneres Bild von sich selbst, eine Facette des Idealbildes, der man fortan genügen möchte.

Von solchen Momenten hatten wir in den ersten so prägenden Jahren unseres Lebens ganz viele – wir lernten ja ständig etwas Neues, probierten uns aus, entdeckten und zeigten uns. Je natürlicher der Umgang unserer Eltern mit unseren Erfolgen im Alter zwischen 0 bis ca. 12 Jahren war, desto mehr Selbstvertrauen und Integrität strahlen wir bei unseren Handlungen und im Umgang miteinander im Erwachsenenalter aus. Je mehr unsere Eltern unser Wesen und unsere Qualitäten erkannten, anstatt uns an ihren Erwartungen zu messen, desto sicherer und freier fühlen wir uns auf den Wellen der sich stets verändernden Welt.

Andererseits, je größer die Abweichungen von einem liebevollen natürlichen Miteinander in der Familie unserer Kindheit waren – ob in Richtung steter Bewunderung oder mangelnder Anerkennung – desto größer ist unser Bedürfnis, ja unsere Gier nach Bestätigung, unser Drang nach Kompensation der inneren Unsicherheit, unser Besonders-sein-müssen.
"Die eigentliche Schwierigkeit
liegt im Überwinden
des negativen Selbstbildes"
Maya Angelou
Wir definieren unsere Identität zum einen über Kriterien, die unseren Eltern wichtig waren (stark / schwach, intelligent / begabt, zu einer Kultur oder Nation gehörig, zu einer Schicht etc.), zum anderen, über den Mangel, die Unsicherheit, die wir durch die Identität zu kompensieren versuchen. Jedes Mal, wenn sie in Frage gestellt wird, fühlen wir uns besonders angegriffen und sogar beschämt. Es ist schwer für einen Menschen, der sich über "Ich bin etwas Besonderes" definiert, zu sagen: „Ich bin genauso wie alle anderen auf diesem Planeten, ich leide und habe Ängste, bin glücklich und in gewissen Dingen mal besser und mal schlechter"... Als ich Lena diesen Satz zum Schmecken angeboten hatte, fuhr sie in sich zusammen. „Das kann ich nicht sagen", - sagte sie leise und war betroffen. Es ist fast unerträglich für einen Menschen, der sich über "Ich bin ein Einzelgänger" definiert, den Satz auszusprechen: „Ich kann nur in einem Team die nächste Aufgabe bewältigen, in dem mehrere gleich wertvolle und wichtige Menschen an einem Strang ziehen".

Könnte es somit sein, dass unsere Identität – ein Wink mit dem Zaunpfahl auf unsere Schwachstelle und unsere größte Unsicherheit ist? Es ist so schwer, das Selbstbild zu hinterfragen, weil wir Angst haben, dass wir uns dann verlieren, uns im Nichts auflösen, selbst ein Nichts sind. Unsere Identität hat eine klare Schutzfunktion, sie gibt uns Grenzen und Struktur. Spirituelle Erfahrungen dagegen, ob in Meditation, in Visualisierungen oder beim Gebet, machen die Grenzenlosigkeit, Verbundenheit und Ganzheit spürbar, um das wahre Selbst hinter der konstruierten und gelernten Identität zu entdecken.

Der Heilungsweg vom „Besonders-Sein" führt nicht über den Kampf, Beweise oder Strafen. Ich glaube, ein Heilungsweg des "Besonders-Seins" führt über das Erkennen des eigenen Wertes. Nicht Minderwertigkeit steht auf der Rückseite der Medaille, sondern die Demut und die Erkenntnis, dass jeder Mensch in seinem Wesen gleichermaßen besonders ist.
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